Ich muss gestehen, über die Jahre habe ich ein sehr gespaltenes Verhältnis zu Logitech entwickelt: einerseits begeistert mich Logitech immer wieder mit richtig guten Produktideen, andererseits legt der Hersteller häufig eine gerade zu appelesque Ignoranz für den Kunden an den Tag, die es ohne weiteres rechtfertigen würde, nie mehr irgendein Produkt von Logitech zu kaufen.
Die Harmony-Produktreihe verspricht universelle Fernbedienungen für nahezu alle Systeme zu bieten. Wer mehr als einen Fernseher sein Eigen nennt, kennt das: Auf dem Wohnzimmertisch stapeln sich die kleinen "Helfer": Verstärker, Sat-Receiver, Android-TV, Fernseher und und und. Außerdem sind die meisten Fernbedienungen recht einfach gestaltet und bieten einfach 100 Knöpfe für die 100 Funktionen des Geräts. Dass im Alltag maximal 5 davon zum Einsatz kommen ist den Designern meist reichlich egal.
Ich besitze die Logitech Harmony Elite, die ein Set aus der Fernbedienung Harmony 950 und dem passenden (aber optionalen Hub) darstellt.
Wie ist das System gedacht?
Per PC-Software wird die Umgebung konfiguriert und diese Konfiguration sowohl auf Hub als auch auf die Fernbedienung übertragen. Danach sind die Geräte ohne PC bis zur nächsten Konfigurationsänderung nutzbar. Die Fernbedienung hat eine Funkverbindung zum Hub, wodurch die eigentlichen (meist Infrarot-) Signale dann sowohl von der Fernbedienung als auch vom Hub gesendet werden können. Der Hub unterstützt zusätzlich auch Bluetooth und hat eine LAN-Verbindung, wodurch er die einzige Möglichkeit von diversen Systemen wie Sonos, Hue oder z.B. auch einer Playstation (Bluetooth) ist.
Der große Benefit des Systems (bei Verwendung eines Hubs) liegt in der großen Reichweite, die kein Sichtfeld zwischen Fernbedienung und Hub erfordert. Wer es gewohnt ist, mit den Orginalfernbedienungen die gewünschten Geräte sorgfältig anzuvisieren und abzuschießen müssen hat mit dem Harmony-Set mit hoher Wahrscheinlichkeit einen Riesenspaß, da plötzlich alles viel besser klappt. Gerade Geräten mit schlechten Empfangseigenschaften kann man ein völlig neues Leben einhauchen, weil der Hub nicht per Batterie versorgt und auf Stromsparen getrimmt sein muss wie eine normale Fernbedienung. Er hängt am Netzteil und veranstaltet beim Senden von Infrarot-Impulsen ein wahres Feuerwerk, das selbst der hartnäckig schlechte Empfänger eines Billiggeräts nicht ignorieren kann. Zusätzlich kann mittels dem beigeleten kabelgebundenen Infrarot-Repeater das Signal direkt vor widerspenstige Geräte gebracht oder zum Beispiel auch im geschlossenen Schrank wirksam werden. Dieser Umstand ist eine Megaplus, das viel vom Komfort der Lösung ausmacht.
Die Idee von Logitech ist, dass man sogenannte Aktionen konfiguriert, die gleich mehrere beteiligte Geräte zusammenfassen. So würde z.B. die Aktion "Fernsehen" dafür sorgen, dass beim Start der Fernseher, der Verstärker und der Sat-Receiver aktiviert und auf die jeweils richtigen Eingänge gestellt werden, während das Beenden der Aktion alle beteiligten Geräte ausgeschaltet werden. Während der Nutzung der Aktion wird das Tastenfeld der Fernbedienung dann für den jeweiligen Zweck konfiguriert. So regeln zum Beispiel die Lautstärketasten die Lautstärke des Verstärkers, während die Programmwahltasten den Sat-Receiver umschalten.
Wo Licht ist, ist auch Schatten - besonders bei Logitech
Das hört sich alles sehr rund an und geht auch gut von der Hand. Schwierig wird es aber, wenn man keine Standardanwendung hat. Hier hat Logitech leider in der gewohnten Ignoranz versäumt, auch an Profi-User zu denken, denen die Automatismen in die Suppe spucken.
Ich nutze beispielsweise einen Beamer anstelle eines Fernsehers. Dieser hat eine Aufwärm- und Abkühlzeit, was dazu führt, dass ich mit allen möglichen Tricks und Basteleien verhindern muss, dass mir die Automatik beim Beenden der Aktion "Fernsehen" den Beamer abschaltet, obwohl ich lediglich zum Android-TV wechseln will (andere Aktion).
Die 950'er Fernbedienung verfügt über ein relativ großes Touchdisplay, das es ermöglicht die Spezialfunktionen der Geräte ins Display auszulagern und so unbegrenzt viele Kommandos unterzubringen. Das eigentliche Tastenfeld ist sinnvoll angeordnet und gut zu ertasten, dank der automatischen Beleuchtung beim Hochnehmen ist sie auch perfekt im Dunkeln zu bedienen. Die Tastenauswahl (an Hardwareknöpfen) ist ziemlich vollständig und bietet eigentlich alles, was man auf normalen Fernbedienungen finden könnte. Auch an die üblichen Farbtasten (rot, gelb, grün, blau) wurde gedacht. Weiterhin gibt es noch ein paar Tasten die auf Smarthome abzielen.
App? Welche App?
Logitech unterstreicht gerne, dass es eine Handyapp (Android und IOS) gibt, die als Fernbedienung fungieren kann. Diese kann anstelle oder in Kombination mit den physikalischen Fernbedienungen des Systems genutzt werden.
Wer nun glaubt, man könne am Handy (man hat ja ein großes Touch-Display) seine Tasten frei anordnen und so ein beliebiges Interface für jeden Zweck basteln, hat leider falsch gedacht: hier macht Logitech seinem Ruf als Scheiss-auf-die-Kunden-Unternehmen mal wieder alle Ehre und liefert das softwaretechnische Pendant zu einem Stinkefinger ab. Unbrauchbar ist noch zu harmlos formuliert: "mutwillige Speicherplatzverschwendung auf Handys" trifft es deutlich besser.
Für wen?
Wer sich auf die Harmony einlässt, muss sich drei Dingen bewusst sein:
1.) das System erfordert eine intensive Einarbeitung und Konfiguration damit man wirklich das Optimum rausholen kann. Es ist hierzu kein IT-Spezialwissen notwendig, aber ein gewisses Maß an Geduld.
2.) das System ist nicht 100% frei konfigurierbar. Manche Dinge gehen schlicht nicht. Und Logitech wäre nicht Logitech, wenn man sich bei der einen oder anderen Sache (z.B. externe Anbindungen) nicht gelegentlich und dauerhaft komplett hängen lassen würde, also ob man das Produkt eigentlich schon ewig abgeschrieben hätte.
3.) die Handy-App kann als nichtexistent betrachtet werden, da sie der sprichwörtliche Dreck in Tüten ist.
Nichtsdestotrotz ist die Harmony Elite für mich eine Lösung die weitgehend tut was ich will und mangels Alternativen konkurrenzlos ist.
Kommentare
Kommentar veröffentlichen
Um mich vor der (leider ziemlich geistlosen) deutschen Gesetzgebung zu schützen, prüfe ich alle Kommentare vor der Veröffentlichung. Ich bitte um euer Verständnis für diese Maßnahme.